North
by gaesteliste.de



Endlich haben sie sich wieder gelüftet, die Nebel von Everon. Nachdem sie lange nur stets wieder zurückgeruderte Veröffentlichungsdaten für den "Flesh"-Nachfolger (2002) sowie bedauerliche Andeutungen durchgelassen hatten, dass es dem Everon-Mastermind Oliver Philipps nicht gut gehe. Nun aber ist das siebte Album der Krefelder Bombastprogrock-Institution Realität. Und es ist natürlich wieder ein sehr hörenswertes, gutes Album geworden. Wenn auch kein Album "für die Insel", wie "Bridge" es für den Rezensenten immer noch ist.

Kompositorisch ist "North" nach Auskunft Olivers bereits im Winter 2005 an der niederländischen Nordseeküste entstanden. Ein Jahr später machte er bei einem weiteren Aufenthalt, diesmal auf einer der schönen Inseln unserer westlichen Nachbarn, die Texte dazu rund. Mit "Hands" eröffnet der Reigen für Everon-Verhältnisse recht straff und heavy. Das volle Everon-Brett mit Flügel, akustischen (Flamenco-)Gitarren und üppigen Arrangements gibt es schon wieder bei "Brief Encounter" zu erleben - der Aufarbeitung einer Begegnung in Jugendtagen. Auf "From Where I Stand" gefallen besonders die Gastbeiträge des britischen Cellisten Rupert Gillet, der auch das rhythmisch komplexe "Test Of Time" veredelt. Das stürmische Titelstück peitscht uns salzige Gischt ins Gesicht, während "Islanders" nur von Judith Stüber gesungen wird, mit der sowohl Spacelab-Studio wie Everon schon lange zusammenarbeiten. Ihr Vortrag kann manchmal an Kate Bush, mal an Rain For A Day erinnern, immer aber bezaubern. Persönlicher Favorit aus den zehn Tracks ist ausgerechnet das Instrumental "Woodworks", das Art Billy Joel im "Root Beer"-Rausch mit einer Gilmour-würdigen Gitarre verheiratet.

Auch wenn von den Melodien diesmal - zumindest bei den ersten vier Versuchen - weniger hängenbleiben will: Die hier auf so Everon-typische Manier erzählten Geschichten etwa von "Test Of Time" oder "North" sind Kurzgeschichten von literarischem Anspielungsreichtum und Bildkraft. Und oft auch mit einem zündenden, pointenhaften Moment des Begreifens versehen - genau wie eine gute Short Story. Dazu kommt noch ein kongenial und liebevoll gestaltetes Artwork von Jan Yrlund - mit "North" muss und sollte man sich beschäftigen.