Flesh
by Progressive Newsletter



"Flesh" ist deutlich ruhiger als "Bridge", und verwendet wesentlich mehr Orchestrierungen, klingt im Ganzen sicher "epischer". Auf dem Album gibt es eine Reihe von Gästen, eine Cellistin, ein Streich-Quartett, und eine Gastsängerin; es klingt zwar nach wie vor natürlich nach Everon, fällt aber schon etwas aus dem Rahmen. Manche Leute werden es mit Sicherheit die beste Platte finden, die wir je gemacht haben, aber es wird sicher auch Leute geben, die eher wenig damit anfangen können." meinte Oliver Philipps im Interview in der letzten Ausgabe des Progressive Newsletters, als Vorausschau auf das mittlerweile erschienene "Flesh".

Recht kurz nach der Veröffentlichung des Vorgängers "Bridge", liegt nun der stilistisch etwas anders ausgerichtete Nachfolger vor, der im gleichen Zeitraum wie "Bridge" aufgenommen wurde. Man muss dem Keyboarder, Sänger, Gitarristen und Hauptkomponisten von Everon Recht geben, dieses Album ist sicherlich inhaltlich extremer als die Vorgänger, auch wenn "Flesh" keineswegs nur melancholische Balladen enthält, sondern ebenfalls in der typischen Everon Tradition bombastisch losrockt (gipfelnd im über 14-minütigen, sehr wuchtigen, gnadenlos orchestral erschlagenden Titelsong). Sicherlich eine sehr gute Entscheidung, neben dem wesentlich intimeren, mehr in sich gekehrten Power Balladen, die das Album über weite Strecken dominieren, einen härteren Ausgleich zu setzen. Trotzdem wird vielleicht nicht jeder Fan mit der insgesamt ruhigeren Grundrichtung etwas anfangen können.

"Flesh" ist geprägt von einer mehr sentimentalen, traurigen Stimmung, ohne jedoch völlige Hoffnungslosigkeit auszustrahlen. Wieder ist dem dem Quintett aus dem Rheinischen gelungen in ihre kompakten, klanglich ausgezeichnet aufbereiteten Kompositionen (Mastering wiederum durch Eroc) jede Menge Hooks einzuarbeiten. Als eine wirklich sehr gute Überraschung erweist sich die Hinzunahme diverser Gastmusiker, wobei hier vor allem Duettsängerin Judith Stüber (bei "Already dead" und "The river") als perfekte stimmliche Ergänzung glänzt. Sowohl von Tonlage, wie auch Ausdruck, passt sie perfekt als weiblicher Gegenpart zu Oliver Philipps Stimme, hinterlässt zudem ihr ganz eigene Note.

Wenn die so oft zitierte anspruchsvolle Rockmusik immer das Niveau von Everon hätte, dann könnte das heutige Radioprogramm durchaus einige Perlen beinhalten. Doch leider haben bei den großen Labels immer mehr die Buchhalter das Sagen, wohingegen fast nur noch im Underground, die wirklich interessanten Bands zu finden sind. Es wäre Everon zu wünschen, dass ihnen der Schritt zu größerer Bekanntheit gelingen würde. Mit diesem, mehr massentauglichen Album hätten sie die Chance dazu und vielleicht gibt es ja doch noch so etwas, wie Gerechtigkeit im Musikbusiness.

Kristian Selm