Bridge / Flesh
Studio report by Obliveon



Der Arbeitseifer scheint ausgebrochen zu sein im Hause Everon, denn wo andere Bands froh sind, sich im Laufe des Jahres gerade mal ein Album aus dem Ärmel zu leiern, veröffentlicht die Band vom Niederrhein mit "Bridge" und "Flesh" im Frühjahr gleich zwei Alben. Dementsprechend groß war meine Erwartungshaltung, als ich mich an einem naßkalten Freitagabend auf dem Weg in das bandeigene Spacelab-Studio mache und dort gleich freudig von Oliver Philipps, dem Sänger der Band, mit folgenden Worten begrüßt werde: "willst du dir wirklich beide Alben anhören?". Während ich noch so vor mich hin grüble, ob dies wirklich eine weise Entscheidung war, finde ich mich schon zusammen mit Oliver und Drummer Moschus, der zwischenzeitlich schon mit der Vorproduktion für das neue Album der Hannoveraner Twisted Toys, die sich im Spacelab eingefunden haben, begonnen hat, im Kontrollraum des Studios wieder und die ersten Klänge von "Bridge" tönen souverän aus den Boxen. "Bridge", das härtere Album der beiden, unterstreicht wieder einmal eindrucksvoll die Qualitäten, die Everon über die Jahre so ausgezeichnet haben. Grandiose Melodiebögen, getragen von der tollen Stimme Oliver Philipps, gepaart mit spieltechnischer Extraklasse und einem detailverliebten Songwriting, das sich dem Hörer erst nach und nach erschließt. Dabei sind Everon nach wie vor musikalisch weder dem Metal- noch dem Progressivgenre oder gar dem Prog Metal zuzuordnen. Höhepunkte von "Bridge" sind vor allem der Opener "Across The Land", ein beinahe schon Dream Theater-ähnliches Instrumental sowie der Titelsong, bei dem Gunter Theys, Sänger der belgischen Death Metaller Ancient Rites, seinen Gastauftritt hat. Kurze Verschnaufpause und weiter geht´s mit "Flesh", dem orchestraleren der beiden Alben, bei dem Everon nicht nur etwas epischer, sondern als Folge der gemachten Erfahrungen bei der Produktion anderer Bands (re-Vision, Ancient Rites, Danse Macabre, Avulsed(!)), etwas experimenteller zu Werke gehen. Dreh- und Angelpunkt dieses Albums ist der fünfzehnminütige Titeltrack, wie man ihn in dieser Form und in dieser Härte von Everon bislang noch nicht gewohnt war. Hinzu gesellen sich unter anderem noch "And Still It Bleeds", traumhaft unterlegt von einem Cello, sowie "Already Dead", musikalisch angereichert durch ein Streichorchester und weiblichen Gesang. "Und?", fragen mich nach den letzten verklungenen Tönen unisono Oliver und Moschus neugierig nach meinem Eindruck des Gehörten. Mein Fazit: Everon sind sich trotz der Experimente auf "Flesh" mit beiden Alben nicht nur ihrem Stil hundertprozentig treu geblieben, sondern haben produktionstechnisch und auch vom Songwriting her vielleicht die beste Leistung ihrer langen Karriere abgeliefert. Ein breites und zufriedenes Grinsen huscht über die Gesichter der beiden Perfektionisten, die soundtechnisch auch jetzt immer noch kleine Änderungen diskutieren. Typisch Everon, halt.

Michael Kuhlen